PLog: Sex für alle!


von Julia Klewin.

Das mit Sex, Bumsen, Liebe machen und Tralala ist ja immer so eine Sache. In den meisten Fällen findet Sexualität hoffentlich hinter verschlossenen Türen statt und in der öffentlichen Wahrnehmung ist der Übergang vom Mauerblümchen zur promiskuitiven Bitch fließend und nur in den seltensten Fällen frei von normativer Bewertung. Ferner sind Themen wie Selbstbefriedigung nur schwierig aus der Tabuzone zu holen und werden meines Erachtens im Rahmen von (schulischer) Aufklärung und Diskussionen um sexuelle Freiheit eher stiefmütterlich behandelt. Während es auf der einen Seite gesellschaftlicher Konsens ist, dass es sich die Jungs öfter mal eben selbst machen, stoßen Gespräche über weibliche Selbstbefriedigung eher auf Verwunderung. Kurzum: Wir sind meilenweit davon entfernt in einer Gesellschaft gelebter sexueller Freiheit zu leben, da Sexualität in all ihren Facetten meiner Wahrnehmung nach zu sehr mit Stereotypen und Klischees behaftet ist.

Thematisiert man in diesem Zusammenhang die Sexualität von Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Einschränkung oder Pflegebedürftiger, so ist die Verwunderung umso größer. Ich habe es auch schon erlebt, dass dies als „eklig“ oder „pervers“ bezeichnet und das Thema sofort unter den Teppich gekehrt wurde. Ich finde jedoch, dass jeder Mensch ein gleiches Recht darauf hat, die eigene Sexualität auszuleben und mit allen Sinnen zu erleben. Das mag kitschig klingen, ist meines Erachtens im Hinblick auf (sexuelle) Selbstbestimmung aber fundamental wichtig. Damit meine ich nicht, dass alle wie wild übereinander herfallen und wie die Tiere bumsen sollen (Sollte euch das allerdings Spaß bereiten, dann bitte sehr. Have fun, be safe!), sondern, dass zu einem vom Freiheit definierten Leben auch die Sexualität fernab von Vorurteilen und normativen Bewertungen gehört.

Die Grünen bzw. die pflegepolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion Elisabeth Scharfenberg haben nun vorgeschlagen, Pflegebedürftigen die Inanspruchnahme einer Sexualbegleitung[1] nach niederländischem Vorbild im Rahmen einer Kassenleistung zu ermöglichen. WHAT? Sex auf Rezept. Ja, genau. Sex auf Rezept.

Auch wenn ich die Grünen nicht zur Partei in meiner Top 2 zähle, so finde ich diesen Vorschlag durchaus gerechtfertigt und unterstützenswert. Ich würde mir sogar wünschen, den Personenkreis der Berechtigten auf Menschen mit Handicap auszuweiten, um somit dazu beizutragen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre eigene Sexualität auszuleben.[2] Johannes Kahrs sieht das leider anders und argumentiert sehr haushaltspolitisch, indem er fragt, wie viel die gesetzlichen Krankenkassen denn noch zahlen sollen. Es geht wie so oft also wieder ums Geld.

Ich bin im Gegensatz zum Genossen aber absolut davon überzeugt, dass der Vorschlag der Grünen ein absolut sozialdemokratischer ist, eben weil ich uneingeschränkt glaube, dass Kosten im Rahmen von Gesundheitsvorsorge und gesundheitlicher Betreuung usw. im Idealfall grundsätzlich kostenlos sein sollten. Wenn es nach mir ginge, wäre die private Krankenversicherung längst abgeschafft und wir hätten eine Krankenversicherung, in der alle gestaffelt nach Einkommen (und Vermögen) einzahlen. Ja, ich weiß, das klingt utopisch, ist meines Erachtens aber absolut wünschenswert. Dass sich die sozialdemokratischen Fachpolitiker*innen mit diesem Thema auseinandersetzen, halte ich selbstverständlich für ebenso wünschenswert.

Und jetzt der Knackpunkt, der dieses Vorhaben, dass bei einigen vielleicht eher Kopfschütteln verursacht, ein wenig relativiert:
Warum sollten so genannte Hilfsmittel (Pumpen, Erektionsringe etc.) bei erektiler Dysfunktion (Für die Ahnungslosen: Der Schnippi bleibt schlappi.) von der Krankenkasse übernommen werden, die „Behandlung“ bzw. Betreuung einer Sexualbegleitung auf der anderen Seite aber nicht? Where’s the fucking difference?[3] Gnihihi. Beides zielt letztendlich darauf ab, Menschen eine funktionierende Sexualität unabhängig von ihrem körperlichen Fähigkeiten oder Einschränkungen zu ermöglichen. Wir reden doch andauernd von Gleichberechtigung und Inklusion, warum sollten wir diese nicht auch im Kleinen leben. Also im Schlafzimmer (oder wo auch immer), nämlich dort, wo wir die Türen verschließen, um glücklich, sinnlich und erregt zu sein.

 

PLog – Das Blog der PL.NRW

In unserem PLog findet ihr ausführliche Positionierungen zu aktuellen Geschehnissen in Form eines Blogs. Die hier versammelten Beiträge sind Meinungen unserer pragmatischen Mitglieder – diese können (müssen aber nicht) mit der Position der PL.NRW übereinstimmen. Wir beweisen damit die Breite unseres Meinungsspektrums!

 

 

[1] Ich spreche hier bewusst nicht von einer Prostituierten, auch wenn ich die Aufgabe einer Sexualbegleitung in den Bereich des Sexwork einordnen würde

[2] Sexualbegleitung – Wtf? Wer davon keine Ahnung hat, kann sich hier und hier detaillierter informieren.

[3] Liebe & dank an den Mitbewohner für das Zitat, dass ich (fast) ohne Gegenleistung verwenden darf.