PLog: Alte Herren, Stofftaschentücher und die Zukunft


von Julia Klewin.

 

Mein Mutterpartei ist alt. Damit meine ich nicht die lange Historie der ehemaligen Arbeiterpartei oder ihre freundliche Beschreibung „alte Tante“. Ich meine damit, dass die Partei, so wie ich sie immer wieder kennenlerne, in ihrer Struktur und mit ihren Mitgliedern mental so veraltet ist, dass ich die schlimmsten Befürchtungen vor dem Tag habe, an dem die heutige AG60+ verstorben ist.

Stofftaschentuch

Stofftaschentuch

In diesem Zusammenhang klagen die Genoss*innen jenseits der 50 oft darüber, dass der Nachwuchs fehle. Ohne junge Leute könne man die Ortsvereine nicht richtungsweisend aufstellen und ohne junge Leute könne man keine Kandidaturen ermöglichen, die sich an die jüngere Generation richten und neue, potenzielle Wähler*innen mobilisieren. Fragt man dann auch noch nach jungen Frauen, wird so getan, also seien diese in der SPD quasi nicht existent. FYI, ich bin eine Frau, 30+/-x und seit 2005 Parteimitglied. Bisher war ich auch nicht im Besitz eines Harry-Potter-Tarnumhangs, so dass man mich in der Partei eigentlich ohne Probleme wahrnehmen könnte. Und jetzt kommt die Überraschung: Ich bin nicht die einzige junge Frau mit rotem Parteibuch, die eloquenter ist als der Durchschnittssozi mit Stofftaschentuch und (auf 12cm Manolos) so selbstbewusst, clever und fachlich fundiert auftreten kann, dass sich Claire Underwood heimlich in die Hose machen würde.

 

Aber was passiert mit jungen Genossinnen, wenn sie doch einerseits irgendwie da sind, aber auf dem Tableau der Kandidaturen nicht auftauchen?

Jede*r der*die einmal eine OV-Sitzung umme Ecke besucht hat und unter 40 ist, wird sofort wissen, was ich meine: Man trifft sich in Domstuben und miefigen Eckkneipen, weil dort dat Pilsken ja so lecker und günstig ist. Man trinkt und quatscht dort nicht nur, man versteckt sich. Man lamentiert über die gute, alte Zeit, als Willy noch lebte. Man nennt die anwesenden Frauen um die 30 „Mädchen“ oder „Frollein“. Man diskutiert, wer für den nächsten Bürgernachmittag Kuchen backen kann und kommt überraschenderweise auf die anwesenden Frauen, weil die das ja sowieso können. Man beschwert sich außerdem darüber, dass die jungen Leute sich nicht am Infostand blicken lassen, obwohl diese vormittags wahrscheinlich und hoffentlich arbeiten. Ich erinnere mich noch gut daran, als man sich in meinem früheren Ortsverein darüber beschwerte, dass ich vormittags plötzlich nicht mehr telefonisch zu erreichen sei. Ich hatte gerade mein Referendariat an einer städtischen Gesamtschule begonnen.
Und dann kommt es alle Jubeljahre tatsächlich mal vor, dass in einem Unterbezirk ein Bundestagsmandat frei wird, weil sich die Vorgängerin mit einer „Ich bin Juristin.“-Lebenslüge selbst zerschossen hat und endlich das Handtuch wirft. Diese Situation könnte für den Unterbezirk die große Möglichkeit sein, sich auf die Zukunft zu konzentrieren, jungen Frauen eine ernsthafte Chance zu geben und neben den bereits aufgestellten männlichen Kandidaten im Stadtgebiet eine Kandidatin zu unterstützen, die Diversität schafft, neue Impulse bringt und Wähler*innen anspricht, die noch nie ein Stofftaschentuch benutzt haben und „Das Traumschiff“ nur noch von jüngsten Kindheitserinnerungen kennen. (Mit drei Jahren war ich natürlich in Sascha Hehn verliebt!) Stattdessen entscheidet man sich für eine Findungskommission, die vorab einen Blick auf die Bewerber*innen werfen soll. Diese Kommission sollte eine Art Vorauswahl treffen und eine Empfehlung aussprechen. Ich sage dazu nur: Gut gemeint, aber doof gemacht.

Einerseits mag es sinnvoll erscheinen, wenn nach dem bisherigen personellen Debakel mehr oder weniger schlaue Köpfe mal einen Blick auf die Bewerber*innen werfen, aber seien wir doch mal ehrlich, in derartigen „Kommissionen“ wird geklüngelt, es werden Deals ausgehandelt und man bleibt gerne unter sich. Und zwar so richtig, denn die besagte Findungskommission bestand aus sieben Männern und einer Frau. (Man möge mich korrigieren, falls ich mich irre.) Kurzum: alte, weiße Männer entscheiden darüber, wer die Ehre erhält, sich den Delegierten vorzustellen.
So, und jetzt haben wir den Salat:

Eine fähige, junge und engagierte Kandidatin erhielt aus meiner Meinung nach nebulösen Gründen keine Empfehlung. Stattdessen entschied man sich für einen Juraprof (Jaaaa, das mit den Rechtswissenschaften sorgt dank der Vorgängerin bestimmt für total tolle und positive Assoziationen) sowie eine 63-Jährige Genossin, die sich zuvor meiner Kenntnis nach nicht als Genossin „geoutet“ hat. Als Dritter im Bunde steht trotz fehlender Empfehlung ein Herr zur Verfügung, der mich permanent an einen populistischen Helge Schneider erinnert. Meine Prognose: Da Inhalte nicht mehr oder kaum noch zählen (ansonsten wäre die SPD 2017 unschlagbar), wird derjenige beim Parteitag das Rennen machen, der sich eindeutig am geilsten findet.

 

Ich weiß, dass jetzt wieder Stimmen laut werden, die mich ungefragt anpampen, dass ich doch einfach selbst kandidieren solle. Ja, darüber habe ich lange nachgedacht. Ich habe mit Menschen gesprochen, die mich unterstützen würden und mit dem besten Wahlkämpfer der Welt (und ein wenig Alkohol) Schlachtpläne geschmiedet.

Aus loyalen Gründen habe ich mich jedoch nicht der Findungskommission vorgestellt, weil ich vermeiden wollte, dass zwei junge Genossinnen in Konkurrenz zueinander stehen. Ich könnte jetzt noch wie Karla aus der Kiste springen (Danke an den Mitbewohner für eine weitere Redewendung, die ich vorher nicht kannte) und mich zur Wahl stellen. Aber glaubt ihr ernsthaft, dass ich mich als junge Frau nach diesem Theater ermutigt fühle? Nachdem die männlich dominierte Findungskommission einer talentierten Genossin gesagt hat, dass sie nicht empfohlen wird? Ich müsste damit rechnen, dass man mich nach meiner Familienplanung fragt. Ich müsste damit rechnen, dass ich mich zum Affen machen lasse. Ich müsste damit rechnen, dass alte weiße Männer mal wieder so tun, als könne ich nicht mehr als rote Lippen malen. Ich müsste damit rechnen, dass man mich nach dem alten weißen Mann fragt, mit dem ich zusammenlebe. Letztendlich müsste ich damit rechnen, dass ich mir die kommenden Wochen bis zum Parteitag meinen Squats&Burpees-Poppes aufreiße und im Endeffekt mit meiner Kandidatur verbrannt werde. Und das alles, nachdem ich beruflich angekommen bin, eine entzückende 5. Klasse übernommen habe und meinen Job meines Erachtens viel besser mache, als ich jemals erwartet habe? Auf keinen Fall. Hinzu kommt, dass ich bei all meinen bisherigen und letztendlich erfolgreich Kandidaturen keine einzige Sekunde gezweifelt habe. Ich habe einfach kandidiert. Somit beruhige ich mein Revoluzzerherz (liebe Velberter Jusos, erinnert ihr euch noch an diese Vorstandswahl?) ein wenig und investiere meinen Verstand in den Versuch, diesen dämlichen Unterbezirk ein wenig aufzumischen.

 

Ach ja, wo sind in diesem ganzen Prozess eigentlich die Jusos gewesen? Die Faust heben und vom feministischen Richtungsverband zu brüllen scheint einfach zu sein. Wenn es aber um die Wurst geht, schweigt man lieber und lässt sich in Regionalvorstände und Bundesdelegationen wählen. Da bleibt natürlich keine Zeit und/oder Lust, sich für junge Kandidat*innen einzusetzen.

 

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